VON BRUNNEN UND FRÖSCHEN

Brunnen in Märchen markieren eine Schwelle zur anderen Welt. Brunnen waren, wie alle Wasserstellen, heilige Plätze, an denen man die Große Mutter verehrte. Hier quillt das lebensspendende Nass aus ihrem Erdschoß. Daher schmücken wir auch heute noch den Osterbrunnen. Gleichzeitig fungiert der Brunnen als Eingang in eine andere Dimension, er ist einer der klassischen Zugänge zur schamanischen Welt. Dunkel, eng und feucht – wie ein Geburtskanal. Der bekannteste Märchenbrunnen ist der in „Frau Holle“. Der Sturz in den Brunnen läßt Goldmarie in der Anderswelt landen, so wie ein Schamane, der den Brunnen als Eintritt in die Untere Welt benutzt.

Der „Froschkönig“ – auch er ein Tier, der Holle heilig, denn er ist der Hüter des Brunnens. Frösche kündigen den Frühling an, sind mit ihrem überbordenden Laich Boten der zurückkehrenden Fruchtbarkeit. Feucht und glitschig, wie sie sind, symbolisieren sie den lebensspenden Urschleim, ja, den Uterus selbst. So ist es auch ein Frosch, der der Königin im Bade die nahende Empfängnis des ersehnten Kindes ankündigt, das Dornröschen heißen soll. Als der Glaube an Frau Holle in der neuen Religion zunehmend als heidnisch galt, erfuhren ihre ehemals glücksverheißenden Begleittiere Frosch und Kröte einen jämmerlichen Abstieg in den Bereich des Ekels und der Hölle. Indonesischen Fröschen geht es besser. Sie bringen auf Bali noch heute Glück, Reichtum und Segen.

©Roman Söllner

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